Vier Männer in einem Toronto-Sommer — wie Banting, Best, Macleod und Collip Insulin extrahierten
Die Insulin-Geschichte wird oft auf zwei Namen verkürzt: Banting und Best. In der Realität war die Extraktion 1921-1922 eine Kollaboration vier sehr unterschiedlicher Männer in unterschiedlicher Ausrüstung und mit erheblicher persönlicher Reibung. Eine detaillierte Chronologie des Sommers, in dem ein chronisch lethales Leiden zu einer behandelbaren Krankheit wurde.
Die Vorgeschichte: ein Idee aus einer 2-Uhr-Notiz
Im Oktober 1920 las der 28-jährige Frederick Banting — orthopädischer Chirurg in einer kleinen Praxis in London, Ontario, mit wenig Patienten und finanziellen Sorgen — abends einen Artikel im 'Surgery, Gynecology and Obstetrics'-Journal über Pankreas-Pathologie. Der Artikel beschrieb einen Fall, in dem Pankreas-Gangverschluss die exokrinen Zellen zerstörte, aber die Langerhans-Inseln (das endokrine Gewebe) erhalten blieb. Banting notierte um 2 Uhr morgens in sein Notizbuch eine Idee: könnte man durch Pankreas-Gangverschluss die exokrinen Verdauungs-Enzyme zerstören, die die Insel-Sekretion bei früheren Extraktions-Versuchen zerstört haben, und dann die Insel-Substanz isolieren?
Banting war kein Endokrinologe und kein Forscher. Vorherige Versuche, eine pankreatische Anti-Diabetes-Substanz zu isolieren (Minkowski 1889, Zuelzer 1908, Paulesco 1921 in Bukarest), waren entweder nicht aufgeklärt oder klinisch unbrauchbar geblieben. Aber Banting brachte die Idee zu John James Rickard Macleod, einem etablierten Physiologen an der University of Toronto. Macleod war skeptisch — die Idee war nicht neu, die methodische Realisation aus seiner Sicht naiv — aber stimmte zu, Banting für den Sommer 1921 ein Labor, Hunde und einen Assistenten zur Verfügung zu stellen. Macleod selbst fuhr für den Sommer nach Schottland.
Sommer 1921: Banting und Best im obersten Stockwerk
Der zugewiesene Raum war im obersten Stockwerk des Medical Building, unter einem Dach, im Toronto-Sommer praktisch unbewohnbar warm. Banting fehlte ein Assistent; Macleod hatte zwei Studenten — Charles Best (21) und Clark Noble — die sich die Sommer-Arbeit aufteilen sollten. Nach einem Münzwurf begann Best. Er sollte nur einige Wochen bleiben; aus der einen Sommer-Schicht wurden zwei Jahre und der Rest der Insulin-Geschichte.
Die ersten Wochen waren schwierig. Banting und Best operierten Hunde — Pankreas-Gangverschluss zur Atrophie der exokrinen Zellen — und versuchten dann, Extrakte aus den verbliebenen Langerhans-Inseln zu gewinnen. Die ersten Extrakte produzierten zunächst gemischte Ergebnisse; einige diabetische Hunde besserten sich, andere starben an Sepsis oder unspezifischen Reaktionen. Der August war eine Mischung aus Frustration und vereinzelten positiven Signalen.
Im November 1921 zeigte Banting Macleod die ersten Daten. Macleod war beeindruckt genug, das Programm zu erweitern. Er beschaffte mehr Hunde, mehr Mittel — und holte einen Biochemiker hinzu: James Bertram Collip, einen 28-jährigen Professor aus Alberta, der ein Sabbatjahr in Toronto verbrachte.
Collips Beitrag: aus einem Hunde-Pankreas-Extrakt wurde ein klinisches Produkt
Collip war der zentrale, oft unterschätzte Faktor im Sprung von Hund zu Mensch. Die Banting/Best-Extrakte waren biologisch wirksam, aber pyrogen — sie verursachten beim Menschen Fieber, Schüttelfrost, sterile Abszesse an der Injektionsstelle. Collip entwickelte über die Wintermonate 1921-1922 eine alkoholische Fraktionierungs-Methode, die die wirksame Substanz von den pyrogen-auslösenden Pankreas-Proteinen trennte. Diese Reinigung war die entscheidende Schwelle: aus einem experimentellen Tier-Extrakt wurde ein klinisch verwendbares Präparat.
Am 11. Januar 1922 wurde Leonard Thompson — 14 Jahre alt, lebensbedrohlich diabetisch, 29 kg Körpergewicht, ketoazidotisch — als erster Mensch mit dem Banting/Best-Extrakt behandelt. Die Reaktion war moderat, aber ein lokaler steriler Abszess entstand. Am 23. Januar erhielt Thompson die zweite Behandlung — diesmal mit Collips gereinigtem Extrakt. Sein Blutzucker fiel von 28,9 mmol/l auf 6,7 mmol/l, die Ketonkörper verschwanden aus dem Urin, sein Allgemeinzustand besserte sich dramatisch innerhalb von Stunden. Es war der erste dokumentierte klinische Erfolg einer Insulin-Therapie.
Die persönliche Reibung
Was die ehrliche historische Darstellung von der populären Heldengeschichte unterscheidet, sind die Konflikte zwischen den vier Männern. Banting und Macleod hatten ein gespanntes Verhältnis — Banting empfand Macleod als opportunistischen Verwalter, der sich Anteil an einer Idee sicherte, die nicht von ihm stammte. Banting und Collip stritten heftig über die Reinigungs-Methode — bei einem dokumentierten Vorfall im Januar 1922 fasste Banting Collip an den Kragen. Best war loyal zu Banting, aber Macleods Wahrnehmung war, dass Best methodisch weniger versiert war als Collip.
Der Nobelpreis 1923 — Banting und Macleod — verschärfte die Spannung. Banting hielt es für skandalös, dass Macleod und nicht Best mit ihm geehrt wurde. Er teilte seinen halben Preis öffentlich mit Best, Macleod teilte den seinen mit Collip. Diese Geste war moralisch wichtig, aber sie wischte die professionellen Verletzungen nicht weg. Die vier Männer arbeiteten danach nie wieder produktiv zusammen.
„Insulin gehört nicht mir. Es gehört der Welt."
Die Patent-Übergabe und ihre Grenzen
1923 übergaben Banting, Best und Collip die Patente für die Insulin-Reinigung an die University of Toronto für je einen kanadischen Dollar. Die Begründung war moralisch klar: Ärzte sollten nicht aus einem lebensrettenden Medikament Profit ziehen. Die University of Toronto lizenzierte die Herstellung an Eli Lilly (USA) und an Connaught Laboratories (Toronto), unter der Bedingung, dass eine 'angemessene' Qualität zu einem 'angemessenen' Preis sichergestellt wird.
Diese Gestelle hat über 100 Jahre einen mythischen Status erhalten. Sie war moralisch eindrucksvoll, aber sie verhinderte nicht — wie auch in dem separaten Reflexionsartikel 'Was uns 100 Jahre Insulin lehren' diskutiert — dass Insulin über die folgenden Jahrzehnte ein hochpreisiges Medikament blieb. Jede neue Iteration (rekombinant, Analoga, Pen-Systeme) wurde mit neuen Patenten geschützt; das Original-Patent zu verschenken ist nicht dasselbe wie ein Medikament generikafähig zu machen, wenn parallele Patente die jeweils aktuelle Form schützen.
Was die detaillierte Geschichte zeigt
Vier strukturelle Beobachtungen aus dem Toronto-Sommer. Erstens: die ursprüngliche Idee (Pankreas-Gangverschluss) war methodisch nicht einzigartig — Paulesco in Bukarest hatte fast zeitgleich vergleichbare Daten — aber die Toronto-Gruppe hatte die institutionelle Plattform (Macleods Labor) und die biochemische Reinigung (Collip), die die Substanz klinisch nutzbar machten. Zweitens: die Heldengeschichte 'Banting und Best' ist eine Vereinfachung. Ohne Macleods Plattform, ohne Collips Reinigung wäre das Ergebnis nicht in einem Jahr klinisch greifbar geworden. Drittens: persönliche Konflikte zwischen den Forschenden waren erheblich und prägten die spätere Erinnerung — die historische Darstellung folgt den Memoiren der Beteiligten, und jede dieser Memoiren ist eine Position.
Viertens: die Geschwindigkeit von der ersten Idee (Oktober 1920) bis zur klinischen Anwendung (Januar 1922) ist ungewöhnlich kurz für die moderne Medizin — etwa 15 Monate. Das war 1920 möglich, weil die regulatorische Hürde für ein experimentelles Therapeutikum praktisch nicht existierte: keine FDA-Phase-3-Programme, keine ICH-GCP-Standards, keine ethische Kommissions-Prüfung im heutigen Sinn. Eine ähnliche Geschwindigkeit ist in der zeitgenössischen pharmakologischen Entwicklung undenkbar — was zu Recht so ist, aber auch eine Erinnerung daran, dass die heutige Geschwindigkeit der Substanz-Entwicklung von ihren Vorsichtsstandards begrenzt wird, nicht von der wissenschaftlichen Geschwindigkeit selbst.