Wie ein Sommer in Toronto die Medizin veränderte — Insulin, 1921
Vor 1921 war Typ-1-Diabetes ein Todesurteil. Kinder wurden auf Hunger-Diäten gesetzt und starben innerhalb weniger Monate. Ein Landarzt, ein Medizinstudent und ein Universitätslabor änderten das in einem einzigen Sommer.
Vor Insulin: Hunger als einzige Behandlung
Anfang der 1920er Jahre war Typ-1-Diabetes eine schnelle, schlimme Krankheit. Die Bauchspeicheldrüse stellte kein Insulin mehr her, der Blutzucker stieg unkontrolliert, und Patientinnen — meist Kinder — magerten ab, fielen ins diabetische Koma und starben. Der einzige therapeutische Ansatz war die sogenannte Allen-Diät: extrem kalorienreduzierte Hunger-Kuren, die das Leben um wenige Monate verlängerten, während die Kinder im Krankenhausbett verhungerten.
Dass die Bauchspeicheldrüse etwas mit Diabetes zu tun hatte, war seit 1889 bekannt — Oskar Minkowski und Joseph von Mering in Straßburg hatten gezeigt, dass Hunde nach Pankreatektomie zuckerkrank wurden. Die Suche nach dem antidiabetischen Faktor in Pankreas-Extrakten lief seit über drei Jahrzehnten ergebnislos. Das Problem: Pankreas enthält auch große Mengen Verdauungsenzyme, die die suchten Peptide zerstören.
Bantings Idee
Im Oktober 1920 las Frederick Banting — ein 28-jähriger Arzt mit einer kleinen Praxis in London, Ontario — einen Übersichtsartikel von Moses Barron über einen Patienten, dessen Pankreas-Gänge durch einen Gallenstein verschlossen waren. Barron beschrieb, dass die Verdauungs-Acini im Pankreas degeneriert waren, während die Langerhans-Inseln intakt blieben.
Banting notierte in derselben Nacht eine Idee: Wenn man bei einem Versuchstier die Pankreas-Gänge abbinden würde, würden die Verdauungs-Acini absterben, die Inseln blieben erhalten — und ein Extrakt aus dem so degenerierten Pankreas müsste die antidiabetische Substanz enthalten, ohne sie sofort zu zerstören.
„Diabetus. Ligate pancreatic ducts of dog. Keep dogs alive till acini degenerate leaving Islets. Try to isolate the internal secretion of these to relieve glycosurea."
Der Sommer 1921
Banting suchte einen Universitäts-Standort und kam zu J.J.R. Macleod nach Toronto, einem Diabetes-Experten. Macleod war skeptisch — die Hypothese war nicht neu —, gab Banting aber während seines Sommerurlaubs ein Labor, zehn Hunde und einen studentischen Assistenten: Charles Best, 22 Jahre alt, frisch graduiert in Physiologie und Biochemie.
Am 17. Mai 1921 begannen Banting und Best ihre Versuche. Sie banden bei Hunden die Pankreas-Gänge ab, warteten Wochen auf die Degeneration, extrahierten dann das verbliebene Inselzell-Gewebe und injizierten den Extrakt einem zweiten Hund, dessen Pankreas zuvor komplett entfernt worden war. Der Blutzucker fiel — und der Hund überlebte.
Die ersten Wochen waren chaotisch. Hunde starben durch unsachgemäße Anästhesie, Infektionen, oder weil die Pankreas-Ligaturen nicht hielten. Bestands-Hund Marjorie wurde durch wiederholte Injektionen wochenlang am Leben gehalten — der erste klare Beweis.
Collips entscheidender Beitrag
Der Hunde-Extrakt war für Menschen zu unrein. Macleod brachte James Collip dazu, einen Biochemiker, der eine Ethanol-Fällungs-Methode entwickelte, um den Extrakt klinisch tauglich zu machen. Im Januar 1922 war ein erstes Präparat bereit.
Am 11. Januar 1922 erhielt der 14-jährige Leonard Thompson im Toronto General Hospital die erste Injektion. Sie war eine Enttäuschung: der Bantings-und-Best-Extrakt löste eine allergische Reaktion aus und senkte den Blutzucker kaum. Zwölf Tage später, am 23. Januar, wiederholte das Team die Behandlung mit Collips gereinigtem Extrakt. Thompsons Blutzucker fiel von 28,9 auf 6,7 mmol/L, die Ketose verschwand, sein Allgemeinzustand verbesserte sich dramatisch. Es war die erste erfolgreiche Insulin-Therapie der Welt.
Eli Lilly und die Massenproduktion
Innerhalb von Wochen war klar: die Universität Toronto konnte den Bedarf nicht decken. Insulin wurde an Eli Lilly in Indianapolis lizenziert — mit der Auflage, das Patent kostenlos für den Eigenbedarf der Universität zu nutzen. Lilly produzierte ab Ende 1922 industriell. Hunderttausende von Patientinnen wurden in den ersten Jahren behandelt.
Das umstrittene Nobelpreis-Drama
1923 ging der Medizin-Nobelpreis an Banting und Macleod — nicht an Best und nicht an Collip. Banting war außer sich vor Wut, dass Best übergangen worden war, und teilte sein Preisgeld mit ihm. Macleod teilte seins mit Collip. Die Streitigkeiten über Urheberschaft, Anerkennung und finanziellen Anteil zogen sich Jahrzehnte hin und sind bis heute Stoff für Medizingeschichts-Bücher.
Was wir daraus lernen
- Die Idee allein war nicht entscheidend — sie war seit Jahrzehnten in Diabetes-Kreisen diskutiert.
- Das Zusammenkommen mehrerer Expertisen war es: Bantings Hartnäckigkeit, Bests handwerkliche Sorgfalt, Macleods Lab und institutioneller Schutz, Collips analytische Chemie.
- Die erste klinische Anwendung war fast ein Fehlschlag — Reinigung machte den Unterschied. Das gilt für jedes Peptid bis heute: was im Tierversuch funktioniert, scheitert oft an der pharmazeutischen Aufbereitung.
- Die Lizenz-Entscheidung der Universität, das Patent symbolisch für einen Dollar abzugeben, prägte die Insulin-Versorgung weltweit für ein Jahrhundert.